Michael

Mein Leben an der Grenze

Ich möchte ein bischen aus meiner Jugend erzählen, wie ich auf dem katholischen Land aufgewachsen bin in einer kinderreichen katholischen Familie.  Ihren Katholizismus den Kindern weiterzugeben, hatten meine Eltern schon bei meinen älteren Geschwistern aufgeben müssen, so dass bei mir nicht mehr viel ankam.  Die Schule fiel leicht.  So hatte ich eine unbeschwerte Kindheit und liebte die Musik, die Geselligkeit und die Natur.  Aus meinem Schlafzimmer im Elternhaus am Stadtrand blickte ich direkt auf die schönen eichsfelder Wiesen und Wälder, die ich oft durchstreifte bis man nach etwa einem Kilometer an die DDR-Zonengrenze kam.  Stacheldraht, Wachtürme und ein paar winzige Soldaten, die man aus grosser Entfernung sehen konnte hinter dem breiten gerodeten und gepflügten Streifen, den niemand ungesehen übertreten konnte.  Dahinter lag jenes unbekannte Land, das so nah und doch so fern war.  Man wußte zwar einiges über dieses "Arbeiter- und Bauernparadies", aber im Alltag hat man es völlig ignoriert.  Sollte es vielleicht auch über mir eine unbekannte Welt geben, einen Himmel und einen Gott, die ich im Alltag völlig ignoriert habe?  Darüber hatte ich mir nie Gedanken gemacht.  Schon als Kleinkind hatte ich den Erwachsenen Löcher in den Bauch gefragt.  Aber die Religion zu hinterfragen galt als unfair, da es für die frommen peinlich war, dass man nichts genaues wusste und begründen konnte.  So jedenfalls habe ich Religion damals erlebt.  Meine Antworten holte ich mir daher aus der Wissenschaft, glaubte an die Evolution.  In meinem "Christentum" ging es weniger um Gott und ein Leben nach dem Tod sondern darum, wie man mit den religiösen Gefühlen fromm-veranlagter Menschen umgeht, zu denen ich mich nicht zählte.  Vor dem ins Bett gehen ein Gebet sprechen oder zur Beichte gehen, das hatte ich nach kurzer Zeit aufgegeben.  Es genügte zur Kirche zu gehen oder wenigstens so zu tun.  Vorsichtshalber guckte einer aus der Klicke im Gottesdienst rein, falls die Eltern fragen, welcher Priester ihn abgehalten hat.  Ich hielt solche Heuchelei für eine gute Tat, da ich ja meine Eltern damit beruhige.  Überhaupt hielt ich es für meine moralische Pflicht, ihnen mit Lügen oder Halbwahrheiten "unnötige Sorgen" zu ersparen.  

Eines Tages rief mich ein Schulfreund an, er müsse mit mir ein ernstes Gespräch führen, was er aber am Telefon nicht sagen könnte.  Ich vermutete, dass er wohl Liebeskummer hat.  Um mir nicht das Wochenende zu verderben verschob ich meinen Besuch auf Sonntagmorgen, so dass ich meiner Mutter gleich noch vormachen konnte zur Abwechslung mal wieder zur Kirche zu gehen.  Nachdem ich also mal wieder einen Samstagabend mit Freunden, Altbier und dummen Witzen in der Kneipe verbracht hatte, kam ich schliesslich meiner Freundespflicht nach.  Zu meiner Überraschung setzte er mir einen Stapel Bücher vor von irgendeinem Wallfahrtsort, in denen Visionen vom Weltuntergang und dritten Weltkrieg beschrieben waren.  Ich war es gewohnt von Klassenkameraden alles mögliche gefragt zu werden, schliesslich gehörte ich zu den Klassenbesten und stand direkt vor meinen Schulabschluss, den 15 von 15 Punkten in Mathe schmücken sollten.  Aber nun fühlte ich mich das erste mal so richtig überfragt!  Gab es wirklich einen Gott, der die Zukunft vorhersagt?  Kann es Menschen geben, die Visionen haben, die später eintreffen?  Im Grunde war ich nie davon ausgegangen, aber genauso klar war mir, dass ich gar kein Argument dagegen hatte.  Beim Thema Glaube war ich bisher gewohnt auf Durchzug zu schalten.  Aber nun war die Frage einmal aufgeworfen und musste geklärt werden: Gibt es einen Gott und was habe ich damit zu tun?  

Die erwähnten Bücher warfen mehr Fragen auf als Antworten.  So begann ich alles mögliche zum Thema Glauben aufzusaugen und mit meinem Freund zu diskutieren von Katharina Emmerich bis Werner Heisenberg.  Alles war für mich völliges Neuland.  Ich hörte, dass ein Mitschüler an die Bibel glaubt und bestreitet, dass die Erde Millionen Jahre alt ist.  Im Physikkurs saß er vor mir und ich fragte ihn, ob er wohl in einer Sekte wäre.  Er war aber in der evangelischen Landeskirche und meinte eher, ich könnte in einer Sekte sein.  Ich hielt es für ein leichtes seinen Bibelglauben auseinander zu nehmen und fragte gleich weiter, ob Gott die Dinosaurierknochen hergezaubert hat, um uns zu prüfen, ob wir trotzdem an die Bibel glauben?  Die Antwort überraschte mich: Dinosaurier gab es nach der Bibel wohl, aber sie seien bei der Sintflut ausgestorben.  Ein Glaube, bei dem man seinen Verstand benutzen darf und für den es Argumente gibt?  Das war ich nicht gewohnt!  So kamen wir ins Gespräch über Gott und die Welt.  Mir wurde klar, dass die Evolution zu viele Probleme hat.  Es muss doch einen Gott geben, der hinter der Welt steckt.  

Mir wurde klar, dass ich an der Grenze zu einer jenseitigen Welt lebe, die mir unbekannt war und ich erstmal kennenlernen und erforschen musste.  

Als ich in der Bibel lass, wurde ich das Gefühl nicht mehr los, dass mir etwas wichtiges vorenthalten worden war, was ich unbedingt erfahren musste.  Besonders angetan war ich von den logischen Gedankengängen eines Paulus im Römer- und 1. Korintherbief und seiner Rethorik.  Mir wurde klar, dass die Bibel Gottes Wort ist.  Aber was hatte Gott nun mit meinem Leben zu tun.  Im Hausbibelkreis bei meinem Schulkameraden hatte ich bereits erfahren wie man persönlich zu Gott beten kann.  Ich musste ja irgendwie auch mal an Gott rankommen.  Also versuchte ich in meinem Schlafzimmer zu beten.  Ich dachte erst, was machst du hier eigentlich, bist ganz alleine und redest einfach.  Da kam es aus mir heraus, dass ich Gott bat, dass er mir das beten beibringt und schon war es für mich etwas ganz normales zu Gott zu reden.  

Ich war bisher sehr selbstzufrieden und dachte wenn es einen Gott gibt müsste er mit mir ebenso zufrieden sein.  Doch nun merkte ich, dass es nicht der Sinn meines Lebens sein kann mich nach meinen Lüsten und Launen durch das Leben zu treiben ohne für andere verantwortlich zu sein.  Ich fühlte, dass ich eigentlich ein sehr selbstsüchtiger undisziplinierter Mensch bin.  Das war mir eine zeitlang eine immer größere Not, solange ich mir einredete, ich müßte irgendetwas besser machen als alle anderen Menschen, um Gott zu gefallen.  Dabei ging mir aber immer wieder ein Bibelvers durch den Kopf, dass alle Menschen Sünder sind und die Herrlichkeit Gottes verpassen, ohne Unterschied! (Römer 3,23)  So wurde mit klar, dass ich nichts selbst leisten konnte, damit ich Gott gefalle.  Es musste Gottes Gnade sein, die ich geschenkt bekommen kann und sollte.  Als ich das begriff bekam ich Frieden mit Gott von einem Tag auf den anderen.  Abends hatte ich noch in grosser innerer Anspannung gebetet; morgends wachte ich auf mit dem felsenfesten Bewusstsein, dass ich nun mit Gott im reinen bin, dass er meinen Egoismus und meine Vergnügungssucht ein für allemal vergeben hat.  Ich hatte die Grenze zu einem neuen Leben mit Gott überschritten, von der Jesus sprach.   Nun bin ich nicht mehr eine Karteileiche im Kirchenregister, sondern ein Gotteskind, dessen Name im Himmel bekannt ist.

"Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist vom Tod in das Leben hinübergegangen." (Johannes 5,24)

Meine Umgebung war nicht schlecht überrascht, dass ausgerechnet ich jetzt fromm werde, wo ich doch so ein intelligenter und rationaler Mensch bin.  Aber gerade das macht mir Mut für jeden zu beten, zu reden und dies zu schreiben, dass jeder andere Mensch ebenso zu Gott finden kann, weil es nicht an uns liegt, sondern Gottes Handeln ist.  Auch wenn andere bei Dir keine Hoffnung haben.  Mach einen Schritt auf Gott zu und er kommt dir 2 entgegen!  Jetzt ist es ein kleiner Schritt sich zu bekehren, mit grossen Folgen.  Denn im Jenseits wird da eine Grenze sein, über die niemand hinüber kann, der nicht schon im Leben zu Gott kam.  Aus der Ferne wird man die helle Freude sehen im Himmel, aber man kann niemals hinkommen, wenn man sich im Leben gegen Gott entscheidet. (Lukas 16,23+26)  

Damals fand ich bei meinem Vater das Buch eines katholischen Verlages, der Martin Luthers Auslegung zu Marias Lobgesang herausgegeben hatte (Lukas 1,46 usw. nach dem lateinischen Magnificat genannt), wohl um zu zeigen, wie sogar Martin Luther Maria verehrt hatte.  Aber was ich da las, war wirklich etwas ganz anderes als die gewohnte Marienverehrung bei den Katholiken.  Einmal auf den Geschmack gekommen, las ich viel von Martin Luther.  

Die Beschäftigung mit der Reformation warf auch die Frage nach der Taufe auf.  Wenn die Taufe ein Zeichen sein soll, für das Wunder, das Gott wegen meiner Bekehrung an mir getan hat und an jedem andern tun will, dann macht es keinen Sinn, wenn alle Welt schon als Säuglinge getauft wird.  Dann sollte man nur bekehrte Gläubige taufen.  Es dauerte einige Zeit bis ich einen Prediger kennen lernte, der mich in der Ruhme taufte.  Ich hatte bereits einen weiteren Freund hiervon überzeugt, der am folgenden Tag im Seeburger See getauft wurde.  Dieser Freund fing auch bald an den Glauben in Wort und Schrift zu verbreiten.  Ich selbst wurde erst nach Jahren aktiver und verfasste auch eigene Schriften über verschiedenste Glaubensfragen, die mir geeignet erschienen.  Heute unterhalte ich auch eine Internetadresse, auf der viele Besucher in Glaubensangelegenheiten herumschnuppern.  Als ich jung war, hatte ich den Wunsch auf eine freikirchliche Bibelschule zu gehen, fand dafür aber keinerlei Unterstützung.  So studierte ich Architektur, lernte aber nebenbei die Ursprachen der Bibel, in denen ich den ganzen Text las.  Viele Jahre später konnte ich diese Kenntnisse bei einer Revision der Bibelübersetzung von Martin Luther einsetzen.  Als Gotteskind fühle ich mich unter anderen Gläubigen wohl und besuche Bibelhauskreise und unterschiedliche evangelische Freikirchen, die die Bibel allein als Grundlage haben, wie es die Reformatoren gefordert haben, nicht ihre angebliche Überlieferung wie bei Katholiken oder zusätzliche Offenbarung wie bei Sekten.  

Michael L. 2008

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